Der alte Wolf ging zu seinem Freund dem Fluss, um zu trinken und ein wenig zu kneipen. Seine von der Jagd müden, rheumatischen Läufe und der Frust über den heutigen Jagdmisserfolg, er hatte den Hasen nicht geschnappt, konnten eine Abkühlung gebrauchen. Er ging zu der Stelle, zu der er schon sein ganzes Leben ging, da, wo eine Lücke im Schilf, verborgen hinter Schwarzdorn, eine kleine, flache, sandige Bucht umrandete. Heute war etwas anders als sonst. Der Fluss hatte sonst eine dunkelgrüne Farbe, je nachdem, ob die Sonne schien, glänzend oder matt, und das Wasser schmeckte frisch mit einem angenehm algigen Abgang.
Heute war das Wasser schwarzbraun und es schmeckte schlammig, brackig. Igitt, pfui Teufel! Der Wolf spuckte es wieder aus: „Hey Fluss, was ist los?“ Der Fluss jammerte jämmerlich: „Ich bin so aufgewühlt, ich will kein Fluss mehr sein.“ „Hä, ein Fluss der kein Fluss mehr sein will. Das gibt es ja nicht! Du warst doch noch nie unzufrieden. Wo ist dein Problem?“ Der Fluss flüsterte heiser und traurig: „Fluss zu sein, ist langweilig. Ich schlängele mich durch die Landschaft, manchmal schneller, manchmal langsamer, aber immer nur oberflächlich. Es ist so furchtbar. Ich will nicht mehr.“ „Ja, aber, was willst Du denn sonst?“ Jetzt changierte das schlammige Wasser ins Blaugrüne und die Stimme schäumte träumerisch: „Ich will ein Meer sein.“ „Ein Meer, mein Gott! Warum das denn?“, fragte der Wolf und schüttelte den verfilzten Pelz verunsichert. „Ja, ein Meer, ist doch klar. Ein Meer zu sein, das ist großartig.“ „Aber sag warum?“ „Ein Meer hat Tiefgang, tiefer als die Berge hoch sind.“ „Also, für mich hast du genug Tiefgang.“
[...]
Persönliche Note des Autors: Schmerzhafte Verzweiflung ist ein Kernbestandteil der Sehnsucht. Einst war ich in einer verzweifelten beruflichen Lage: Eine beruflicher Traum - mit Angehörigen von Suchtkranken zu arbeiten - schien sich in einer Anstellung zu erfüllen, doch es zerrann mir wie Sand zwischen den Fingern. Diese Erkenntnis, die ich anfangs nicht wahrhaben wollte - was nicht sein darf, kann nicht sein -, stieg bitter in mir auf. In einer Pause saß ich auf einem Baumstumpf, aß meine Brote und sah einem Käfer dabei zu, wie er emsig einen langen Grashalm versuchte hochzuklettern. Der Halm wankte im böigen Wind und der Käfer flog immer wieder runter. Zuerst hielt ich es kaum aus, den Käfer scheitern zu sehen, und wollte ihn nehmen und egbringen. Doch ich war auch gebannt und diese Faszination wuchs in mir, weil der Käfer nie aufgab. Einmal kam er tatsächlich an der Spitze an. Dort verharrte er für einen Moment, bis die nächste Böe ihn herunterwarf. Meine Pause habe ich an dem Tag verlängert, um dem Käfer, den ich Sisyphos nannte, zuzusehen. Der Perspektivwechsel, von oben auf sich drauf zu schauen, hilft in der Not, um zum Humor zurückzufinden. | weniger
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